Volkstrauertag - In Gedenken an die Toten

Geschrieben von Jürgen Kirchner am . Veröffentlicht in Aktuelles

pexels mohammad reza fathian 225073Liebe Hemsbacherinnen und Hemsbacher,

der Monat November ist traditionell dem Gedenken an die Toten gewidmet. Deshalb gibt es die stillen Feiertage wie Allerheiligen, den Totensonntag und den heutigen Volkstrauertag. Auch wenn sich seit März vehement ein anderes Thema in den Vordergrund gedrängt hat, ein Thema, das die ganze Welt in Atem hält, sollten wir dennoch nicht alles der Corona-Pandemie unterordnen. Die Erde dreht sich weiter, auch mit Corona. Die Konflikte bleiben die gleichen, die Gefahr von Krieg und Terror wird eher wieder größer. Deshalb sind wir auch heute am Volkstrauertag aufgefordert, innezuhalten und ein Zeichen gegen Terror, Gewalt und Krieg zu setzen. Deshalb ist es wichtig, den Volkstrauertag zu begehen, auch wenn Corona eine Gedenkveranstaltung, wie wir sie normalerweise veranstalten, nicht zulässt.

Der Zeitraum der schrecklichen Geschehnisse der beiden Weltkriege gehört für die meisten von uns zu einer fernen Vergangenheit. Dass Krieg und Gewalt aber auch unsere Gegenwart bestimmen, wenn auch „nur“ mittelbar, blenden wir gerne aus. Umso wichtiger ist es, sich die Geschichte immer wieder vor Augen zu führen und zu erkennen, wie bedeutend es ist, sich konsequent für den Frieden einzusetzen.
Als ab dem 8. Mai 1945 die Waffen schwiegen, lagen weite Teile Europas in Trümmern. Millionen Familien beklagten den Tod ihrer Angehörigen. Der Zweite Weltkrieg kostete zwischen 60 bis 70 Millionen Menschen das Leben.
Das Kriegsende bedeutete aber keinen sofortigen Frieden, der wirkliche Frieden ließ noch lange auf sich warten. Dennoch markiert das Datum des 8. Mai 1945 einen Beginn, einen Aufbruch, einen neuen Weg, der uns schließlich zu einem friedlichen Miteinander in Europa führte, einem Europa, das uns bis heute Frieden beschert.
Blicken wir aber über unseren eigenen Tellerrand hinaus und etwas genauer auf die derzeitige Lage in der EU und in der Welt, können wir nicht wirklich von friedlichen Zeiten sprechen, schon gar nicht von Einigkeit. Im Gegenteil, die humanitären Auswirkungen kriegerischer Konflikte weltweit und die Schicksale der vielen, vielen Menschen, die Schutz suchen und über das Mittelmeer fliehen, zeichnen ein anderes Bild.
Insgesamt 27 Kriege und bewaffnete Konflikte tobten im vergangenen Jahr 2019 auf unserer Welt, mit über 200.000 Toten. Nein, der Volkstrauertag ist alles andere als obsolet oder überflüssig, auch nicht in Corona-Zeiten. Er ist mehr denn je notwendig! Auch aus einem weiteren Grund:
Viele Menschen haben unter den Folgen des Krieges gelitten, waren und sind traumatisiert, auch lange nach dem politischen Frieden. Während die Menschen nach dem Krieg Trümmer und Schutt aus den Städten räumten, blieb die Seele weiterhin mit Trümmern und Schutt der ganz anderen Art beladen. Unvorstellbar, welche Spuren der Krieg in den Seelen der Menschen hinterlassen hat, die nicht einfache wegzuräumen waren. Spuren wie Verlust, Scham, Angst und Trauer um geliebte Menschen. Viele Menschen beschäftigt das bis zu ihrem Lebensende.
Die Menschheit kann sich selbst der ärgste Feind sein, wie in der von Deutschland initiierten Barbarei zwischen 1933 und 1945. Die Menschheit kann aber auch zur Freundschaft mit sich selber finden, sich mit sich selber anfreunden. Vielleicht gibt auch und gerade die Corona-Pandemie uns dazu jetzt eine Chance. Eine Chance zur Solidarität, zur Mitmenschlichkeit, zum vertieften Miteinander.
Vielleicht.
Denn bei aller positiven Kraft führt uns die globale Pandemieerfahrung vor Augen, dass innerer und äußerer Friede noch immer nicht selbstverständlich sind. Innerhalb von Gesellschaften schwinden der Respekt vor dem Nächsten und das Bewusstsein für den Wert des Friedens; Hassreden nehmen vor allem im digitalen Raum zu, politische Diskurse, vernünftige Auseinandersetzungen sind kaum noch möglich, die gemeinsame Wertebasis bröckelt, Andersdenkende werden diskreditiert und diskriminiert. Mit der Demokratie steht eine Staatsform auf dem Prüfstand, die uns in Europa Frieden gebracht hat, eine Errungenschaft, um die uns viele Menschen beneiden. Verteidigen wir unsere Demokratie! Jede Einzelne, jeder Einzelne von uns ist dazu aufgerufen, jeden Tag.
Wahrhaft Frieden zu stiften bedeutet, inneren Frieden zu suchen und äußeren Frieden aktiv zu fördern. Dazu gehört vor allem, einander zu akzeptieren, zu respektieren und zu vertrauen – nichts weniger scheint 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und in Zeiten von Corona notwendig.
Im geeinten Europa darf der Frieden nicht nur zu einem rein äußerlichen Vertragsfrieden degenerieren. Wir brauchen auch einen inneren Frieden, wir brauchen eine Kultur des Dialogs und des gegenseitigen Respekts, gerade auch in Krisenzeiten.
Und Frieden beginnt zuallererst bei jedem von uns. Es geht um unseren inneren Frieden, es geht um den häuslichen Frieden, es geht um den Frieden im Umgang mit unseren Kollegen oder Nachbarn.
Der heutige Tag des Gedenkens mahnt uns zum Nachsinnen darüber, was wir alle – als Nation, als Kommune, als Einzelner – für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit tun können und tun sollten.
Der bekannte Philosoph Karl Jaspers formulierte hierzu einen passenden Satz:
„Die Frage des Friedens ist keine Frage an die Welt, sondern eine Frage an jeden selbst.“
Stellen wir uns dieser Frage!